Wir müssen einander begegnen 

Da ist die orthodoxe Frömmigkeit. Sie sieht anders aus als unsere evangelische Glaubenstradition. Sie riecht anders,sie schmeckt anders, sie stellt sich anders dar, sie hört sich anders an.

 

 Die Chöre wirken intensiv auf die Sinne eines westlichen Zuhörers. Die zahlreichen Kerzen mit ihrem Honig- und Kräuterduft sind nicht jeder Nase zuträglich. Von den Ikonen sagen wir nach einem ersten flüchtigen Hinsehen: die sehen ja alle gleich aus. Die bunten Eier zu Ostern gefallen uns. Die Glocken finden wir, weil sie so anders klingen, interessant. Die roten Priestergewänder gerade in der Osterzeit, das ist Oper.

 

Haben Sie schon einmal in der Osterwoche in einer russischen Kirche die Glocken geläutet? Das dürfen Sie – als Ausdruck Ihrer Osterfreude. Allerdings ist es nicht so einfach, mit zwei Füßen und 10 Fingern einen einigermaßen homogenen Klang zu erzeugen.


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 Haben Sie schon einmal erlebt, wie innig sich die Gläubigen vor der Ikonenwand verneigen und bekreuzigen? Wie sorgsam sie ihren Heiligen unter den vielen Ikonen auswählen und vor seinem Bild ein stilles Gebet sprechen und eine Kerze entzünden? Wie liebevoll sie in der Karwoche das Grab Christi schmücken? Mit welcher Hingabe sie die Hände Christi küssen, die das Neue Testament halten? Haben Sie sich auch schon einmal über den liturgischen Ablauf eines orthodoxen Gottesdienstes freuen können, bei dem alles so selbstverständlich abläuft? Hat Ihnen auch schon einmal ein Gläubiger in den Ostertagen ein buntes Ei geschenkt oder eine brennende Kerze in die Hand gedrückt und mit Ihnen den Osterkuss getauscht und gesagt: Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden, haben Sie geantwortet?

 

 Das Geläufigste sind für uns wohl inzwischen die orthodoxen Kirchenchöre. Wir lieben sie, und haben in den letzten 20 Jahren  Erfahrung mit ihnen gemacht.(Chor der Isaak Kathedrale, Königsberger Domchor Kaliningrad, Tichvinskaja Chor Moskau, Tambower Kathedralchor, Klosterchor Tambow).

 

Aus der Frühzeit der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts stammt eine Einsicht, die auch heute noch gilt. "Die Einheit erreichen wir nur, wenn wir einander lieben; um aber einander lieben zu können, müssen wir mehr voneinander wissen; damit wir uns besser kennenlernen, müssen wir einander begegnen." (Dr. J. Halkenhäuser, Würzburg, Schwanbergbrief 3/99). 

 


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